
Das Kabinett Renner II (15. März - 17. Oktober 1919) kurz nach seiner Wahl durch die KNV; Karl Renner sitzend, Vierter von links; Unterstaatsekretär für Unterricht Otto Glöckel sitzend, Dritter von links. Quelle: "Das interessante Blatt" v. 27. März 1919, Seite 3
Die Protokolle des österreichischen Kabinettsrats 1919–1920
Die Staatsregierung der 1918 gegründeten Republik Deutschösterreich bestand aus Staatssekretären, die unter Leitung des Staatskanzlers zu Kabinettsratssitzungen zusammenkamen. Erst mit Inkrafttreten des Bundes-Verfassungsgesetzes 1920 traten Bundesminister an die Stelle der Staatssekretäre, während der Begriff "Staatssekretär" seit diesem Zeitpunkt dem Begriff des "Unterstaatsekretärs" aus der Zeit 1918-1920 entspricht. Die Protokolle der Kabinettsrats- und Ministerratssitzungen sind eine herausragende Quelle für die politische Geschichte, die Verfassungsgeschichte und viele andere Disziplinen. Hier werden die großen Leitlinien der Politik dargelegt; hier werden die Motivationen der handelnden Akteure – mal mehr, mal weniger deutlich – sichtbar. Dennoch liegen aus der Zeit der Ersten Republik (demokratische Zeit 1918-1933 und autoritäre Zeit 1933-1938) bislang erst ungefähr die Hälfte der Protokolle in Form einer wissenschaftlichen Edition gedruckt vor.
Im Sommer 2025 bewilligte der österreichische Wissenschaftsfonds FWF die finanzielle Förderung für die Edition der Kabinettsratsprotokolle im Zeitraum vom 3. Februar 1919 bis zum 25. Juni 1920 (FWF Projekt PAT1495024). In diesen scheinbar kurzen Zeitraum fallen u.a. die ersten Wahlen der Republik (bei denen erstmals auch Frauen wahlberechtigt waren), die Reform der provisorischen Verfassung, die Beschlussfassungen über das Habsburger- und das Adelsaufhebungsgesetz, eine Reihe von arbeits- und sozialrechtlichen Reformen, die Verhandlungen und der Abschluss des Vertrags von St. Germain sowie ein Großteil der Beratungen über das Bundes-Verfassungsgesetz 1920. Projektstart ist der 1. Jänner 2026.
